Glockenguss für Uder

So entschloss sich der Kirchenvorstand, nicht an drei Stellen mit viel Aufwand zu flicken, sondern die gesamte Glockenanlage mit Glockenstuhl und Aufhängung aus Eichenholz einschließlich modernen Antrieben und Steuerung zu erneuern und die drei Bronzeglocken einzuschmelzen und neu gießen zu lassen. Die Glockenarbeiten wurden ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielt die Glocken- und Kunstgießerei Rincker.

Am Freitag, dem 20. März 2015 fuhren 60 interessierte Gemeindemitglieder mit einem Bus der Eichsfeldwerke vorbei an Gießen und Wetzlar in die hessische Gemeinde Sinn, dem Sitz der Fa. Rincker. Auf der Fahrt konnten wir je nach Fahrt­richtung und Bewölkung einen Blick auf die teilweise Sonnenfinsternis werfen. Da der Glockenguss erst am Nachmittag erfolgen sollte, hielten wir zuerst an der nur einige Kilometer entfernten Burganlage und Glockenwelt Greifenstein. Die im Jahr 1160 erstmals urkundlich erwähnte und seit 1700 verfallene Höhenburg wurde 1969 dem neu gegründeten Greifenstein-Verein geschenkt, der sich bis heute um den Erhalt der öffentlich zugänglichen Anlage kümmert. Wir besichtigten unter fachkundiger Führung die zur Burganlage gehörende Doppelkapelle und das Glockenmuseum. Der untere Teil der Doppelkapelle wurde 1462 als Wehrkirche im gotischen Stil errichtet. Ab 1680 wurde der Burghof aufgeschüttet und über der Wehrkirche eine Barockkirche mit umfangreicher Stuckdekoration erbaut, welche heute als evange­lische Pfarrkirche genutzt wird.

Der große Wehrturm wurde durch den Verein zur Glockenwelt ausgebaut. Mit über 100 Glocken ist sie die in ihrer Art bedeutendste Glockensammlung Deutschlands. Hier konnten wir alles zur Glockengeschichte und -herstellung erfahren, zahlreiche Exponate bestaunen und interaktiv erleben. Nach dem Mittagessen im Gasthaus Simon fuhren wir in den Nachbarort Sinn, einem Ort mit 3.600 Einwohnern, in dem die Glocken- und Kunstgießerei Rincker ansässig ist.

Die Glocken- und Kunstgießerei Rincker, welche sich seit dem 17. Jahrhundert in Familienbesitz befindet und derzeit von zwei Brüdern geleitet wird, ist eine der ältesten bestehenden Glockengießereien Deutschlands. Hier sollten heute unsere neuen Glocken gegossen werden.

Das Firmengelände wirkte auf den ersten Blick unscheinbar, dann aber fielen ein großes Glockenspiel und mehrere Bronzestatuen ins Auge. Auch die Produktions­halle war nicht gerade modern, sondern wirkte mit ihren alten Maschinen und Gerätschaften fast wie ein Museum. Als erstes sahen wir den großen Schmelzofen, aus dessen zwei fauchenden Brennern und dem Kopfloch hohe Flammen schlugen, und der große Hitze abstrahlte. Davor befand sich eine etwa 4 x 4 m große flache Grube, aus deren Boden Röhren und Eisenstangen ragten und in der eine U-förmige Rinne gemauert war. Wir erfuhren, dass eine unserer Glocken bereits am Vormittag, zur Zeit der partiellen Sonnenfinsternis, gegossen worden war. Jetzt sollen gemein­sam mit unseren zwei Glocken eine für eine syrisch-aramäische und eine bayrische Gemeinde gegossen werden.

Der Schmelzofen musste noch einmal nachgeheizt und eine Rinne angebracht werden. Dann war es soweit: Nach einem Gebet der beiden katholischen und des aramäischen Priesters sowie des Gießmeisters wurde der Schmelzofen vorsichtig angekippt und die hellleuchtende Bronze floss mit ca. 1.200 Grad in die Rinne der Gießgrube. In der Halle musste es ruhig sein, denn nur am Geräusch und dem Brennverhalten der ausströmenden Gase konnte der Meister die Füllung der Glocken erkennen. Nachdem die erste Glocke gefüllt war, wurde eine Sperre in der Rinne entfernt und die Schmelze floss in die nächste Glockenform „Uder 1“. So ging es weiter, und nach 10 Minuten mit Funken, Staub und Hitze war der Glockenguss be­endet.

Anschließend erklärte einer der beiden Rinckerbrüder noch einmal das Gesehene und dass man bis Montag warten müsse und dann beginnen könne, die Glocken auszugraben. Dann erst zeige sich, ob der Guss gelungen ist.

Durch die Mitarbeiter wurde uns danach die Werkstatt gezeigt und die vielen Schritte zum Herstellen der Glockenform erläutert. Das Herstellen der Gussform ist auch heute noch wahre Handwerkskunst, welches viel Wissen, Erfahrung Sorgfalt und Geduld erfordert. Daran hat sich in den letzten 100 Jahren kaum etwas geändert.

So verging schnell die Zeit, so dass Monika Backhaus zum Aufbruch drängen musste. Unser Busfahrer Ingo Köhler brachte uns trotz Stau nach einem erlebnis­reichen Tag wieder wohlbehalten nach Hause.

Der Guss ist gelungen! Die Glockenweihe findet am Sonntag, dem 19. April 2015 um 15:00 Uhr statt.

Lothar Weinrich

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